„Es gibt beim transmedia storytelling verschiedene Grade von Komplexität und Immersion“

Comics, Fernsehserien, fiktive Websites, Webisodes oder Alternate Reality Games (ARGs) – die Möglichkeiten der transmedialen Erweiterung von filmischen Inhalten sind riesig. Beim transmedia storytelling geht es dabei immer um Medieninhalte wie Kinofilme, die über Mediengrenzen hinweg erzählt und fortgeführt werden. Kim Carina Hebben von der TU Dortmund – Expertin für transmediales Storytelling – verweist dabei besonders auf die Bedeutung des narrativen Aspekts:

„Bei transmedia storytelling steht eben genau der Aspekt des Storytellings im Vordergrund – es geht darum, eine Geschichte über verschiedene Medien hinweg weiterzuerzählen.“

Und dieses Weitererzählen kann auf ganz unterschiedliche Arten, auf einer Vielzahl von medialen Kanälen und mit einem ganz unterschiedlichen Grad an Komplexität und Partizipation der Zuschauenden stattfinden. Als Paradebeispiel nennt die Medienwissenschaftlerin den Film Matrix, der auf ganz verschiedenen Medien einzelne Handlungsstränge post-kinematografisch weitererzählt: Die Zuschauer und Zuschauerinnen haben die Möglichkeit einzelne Handlungsstränge über andere Medien weiterzuverfolgen, versteckte Informationen zu entschlüsseln und somit noch stärker in die fiktive Welt einzutauchen. Kim Carina Hebben stellt aber fest: „So ein besonderes transmedia storytelling, wie es bei Matrix stattgefunden hat, kann ich aktuell in der Kinolandschaft nicht beobachten.“ Ein besonders prägnantes aktuelles Beispiel für transmedia storytelling ist für die Expertin aber die Marvel-Filmreihe: Die einzelnen Filme sind miteinander vernetzt, vereinen sich zu einem ganzen Marvel-Universum und eingefleischte Kenner können in ihnen immer wieder Verweise auf Entwicklungen in der gesamten Storyworld finden. Auch die Marvel-Fernsehserie Agents of S.H.I.E.L.D., die narrativ sehr eng mit den Filmen zusammenhängt, ist eines von vielen transmedialen Elementen im Marvel-Universum. Das Narrativ des Kinofilms und das gesamte diegetische Universum werden durch das transmedia storytelling aus dem Kinosaal herausgetragen. Kim Carina Hebben beschreibt diesen Prozess so: „Man ist nicht mehr nur im Kinosaal, sondern nimmt das Narrativ mit auf sein Smartphone, findet es in Comic-Läden wieder, schaut Serien vor seinem Fernseher oder liest Artikel. Man bewegt sich in diesem Universum und trägt es in seinen Alltag. Dabei wirkt transmedia storytelling natürlich sehr immersiv, aber auf eine andere Art als das Kino.“ Die Welt des Films ist durch Transmedialität nicht nur passiv erfahrbar, sondern begehbar und emotional erlebbar.

Der transmediale Raum als Spielfläche

Der partizipierende Zuschauende spielt eine besonders große Rolle für Transmedialität – ohne Partizipation kann es kein transmedia storytelling geben, erklärt die Transmedia-Expertin:

„Man hat die einzelnen medialen Elemente und erst der Zuschauende, der sich von einem zum anderen Medium bewegt, erschafft den transmedialen Raum. Erst durch die mediale Praxis werden die einzelnen Medien verbunden und zu einem begehbaren Netzwerk zusammengeführt – was man wiederum als Spiel verstehen kann.“

Dieser Aspekt des Spielens – vor allem in seiner Bedeutung als Bewegung und als Hin und Her – ist für Kim Carina Hebben bei der Betrachtung von Transmedialität besonders wichtig. Das Spielen ist bei der Aneignung und Nutzung transmedialer Inhalte der Akt des Raumschaffens. „Indem man sich hin und her bewegt, erschafft man einen transmedialen Spielraum“, so Hebben. Diese Hin-und-Her-Bewegung impliziert gleichzeitig einen Wechsel zwischen den Medienformen und Rezeptionsmodi: Das Springen vom einen zum anderen Medium erfolgt dabei im Optimalfall ganz unterbewusst, fließend und eben spielerisch. Indem die Zuschauenden den transmedialen Raum betreten, erschaffen sie sich kognitiv eine große Storyworld, die sie immersiv erfahren und begehen können. Die Immersion, die transmediale Räume bieten, geht über die des einzelnen Kinoerlebnisses hinaus.

Gutes transmedia storytelling

Eine besondere Form von transmedia storytelling – die den Zusammenhang von Transmedia und Spiel förmlich verkörpert – sind sogenannte Alternate Reality Games, kurz ARGs. Diese digitalen, enorm komplexen Schnitzeljagden in der realen Welt reichern das Filmnarrativ an und tragen zur Konstruktion eines fiktionalen Universums bei – die reale Welt wird zur fiktiven Spielwiese für die Fans. Die Spiele The Beast zum Film A.I. Künstliche Intelligenz und Why so serious zu Batman haben gezeigt, wie spielerisch, partizipatorisch und immersiv transmedia storytelling funktionieren kann. ARGs sind besonders starke und komplexe Formen von Transmedialität und deshalb auch nur für einen Bruchteil des Publikums interessant: „Sie aktivieren nicht das Massenpublikum, sondern nur einen kleinen Kreis echter Fans.“ Die Expertin betont, dass ARGs die komplexeste Form von transmedialem Storytelling seien, Transmedia aber auch auf deutlich unkomplexerer Ebene funktionieren könne – sie nennt diese einfache Form „casual transmedia“: So gab es von der Serie Suits fiktive Twitter-Profile der einzelnen Figuren, mit denen man interagieren konnte, und die Fans von Lost und Breaking Bad konnten ihr Facebook-Profilbild im Stil der Serie verändern.

„Es gibt beim transmedia Storytelling ganz verschiedene Grade der Komplexität und der Immersion – und sie können alle gut funktionieren.“

Besonders wichtig ist jedoch, dass die transmedialen Texte auch alleine für sich stehen können und ihre Narration ohne den Hintergrund der anderen Medien funktioniert. Schließlich möchten nicht alle Kinobesucher und -besucherinnen über den Film hinausgehen und noch tiefer ins Narrativ eintauchen: Auch diejenigen, die transmediale Angebote nicht nutzen, müssen die Narration verstehen. „Und andersherum: Wenn die Narration durch den Film alleine ersichtlich ist, muss die transmediale, zusätzliche Story immer noch so gut und spannend sein, dass es sich lohnt, Zeit und Mühe zu investieren“, erläutert die Medienwissenschaftlerin. Transmedia storytelling erfordert also besonderes Fingerspitzengefühl von seinen Machern.

Transmediales Storytelling: Eine Chance für das Kino?

Schon jetzt habe sich die Seherfahrung und die Erwartung der Zuschauer und Zuschauerinnen durch neue narrative Formen und transmediale Verlängerungen verändert, sagt Kim Carina Hebben: „In der Sehpraxis achtet man verstärkt auf potenzielle Eintritts- oder Knotenpunkte, versucht narrative Lücken zu füllen und erwartet eine komplexe, transmediale Storyworld und dadurch ein vertieftes immersives Erlebnis.“ Trotzdem sieht die Expertin im transmedialen Storytelling weiterhin Potenzial, um das Kinoerlebnis zu optimieren und zu vertiefen:

„Durch die transmediale Partizipation rückt man näher an den Film heran. Diese Nähe könnte man im Kino durch Second Screens oder Smart Devices herstellen.“

Second Screens oder Smart Devices können die Erlebbarkeit der filmischen Story auch im Kinosaal auf eine neue Ebene bringen und die Immersion weiter verstärken. Das Kino bietet sich auch deshalb so gut dafür an, weil es von Grund auf die Liveness und den Appointment-Charakter mitbringt. Kim Carina Hebben kann sich zum Beispiel passende Companion-Apps oder ein Armband, das in spannenden Szenen vibriert, als transmediale Erweiterungen im Kinosaal vorstellen. Trotzdem komme es bei solchen Devices, Screens oder Spielen erneut auf die freiwillige Partizipation des Publikums an.

Andererseits könne man Transmedialität  im Kinofilm auch einsetzen, um die Spannung zu steigern. Narrative Cliffhanger oder versteckte Hinweise würden dann nicht erst in der Fortsetzung der Filmreihe aufgelöst, sondern zum Teil transmedial weitergeführt – so bekämen Fans auch zwischen zwei Teilen einer Filmreihe wie Harry Potter narrativen Input.

Lust auf das ganze Interview mit vielen weiteren Beispielen? Das gibt’s hier!

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