Yannick Pieper – das ganze Interview

Yannick Pieper – einer der drei Veranstaler von Filme mit Freunden – über das Konzept des Open-Air-Kinos, spannende Locations für die Filmrezeption und das besondere Gemeinschaftserlebnis.

Ihr als Macher von Filme mit Freunden gehört ja eigentlich der ‚Generation Netflix‘ an, der alles zu jeder Zeit zugänglich ist. Warum wählt ihr bei Filme mit Freunden trotzdem die Kinowahrnehmung?

Ich glaube das sind ganz unterschiedliche Faktoren, die bei unserem Open-Air-Kino Filme mit Freunden zusammenkommen: Einerseits sitzt man im Sommer einfach gerne lange draußen. Das dann mit einer gemeinsamen Filmrezeption zu verbinden, ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. Filme begeistern Menschen schon seit über hundert Jahren und ich denke, das werden sie auch noch sehr lange tun. Das Medium bietet so viel Potenzial, dass es meiner Meinung nach niemals aussterben wird. Aber vor allem geht es uns um den sozialen Aspekt: Man nimmt Film in der Gemeinschaft einfach ganz anders wahr als alleine zuhause. Wir möchten, dass unsere Besucher und Besucherinnen rausgehen, sich einen schönen Abend machen und gemeinsam einen Film gucken können – deshalb das Konzept des Open-Air-Kinos. Wir möchten unseren Gästen einen besonderen Ort zum Filme schauen und ein einzigartiges Gemeinschaftserlebnis bieten. Gerade hier in Dinslaken haben Veranstaltungen wie unsere immer eine sehr familiäre Atmosphäre – man trifft sich, man tauscht sich aus und kann zusammen den Film schauen. Ich denke, dass es bei Open-Air-Kinos sehr stark um das Drumherum und die Atmosphäre geht: Uns ist es wichtig, den Film in den Abend einzubetten und das Event nicht bloß auf die Filmrezeption zu beschränken. Deshalb spielen bei uns vorher immer lokale Musiker, es gibt Snacks, leckere Cocktails und so weiter – dann ist es einfach ein runder Abend, finde ich. Und in den letzten vier Jahren haben wir einfach gemerkt, wie sehr das die Leute begeistert und wie gut diese Verbindung von gemütlichem Sommerabend und gemeinsamer Filmrezeption funktioniert – auch in diesem Jahr läuft es wieder super!

Trotzdem wendet ihr euch ja durch euer Open-Air-Konzept vom spezifischen Gebäude und Raum ‚Kino‘ ab – Filme finden nicht mehr nur im Kino statt und sind nicht mehr an den Wahrnehmungsraum Kino gebunden. Welche Rollen spielen bei euch die post-kinematografischen Locations für die Wahrnehmung, wie funktionieren sie innerhalb des Konzepts?

Die Locations spielen eine sehr große Rolle für uns – sie machen das Erlebnis zu einem großen Teil mit aus. Zudem zeigt sich hier ja auch, dass die Kino-Wahrnehmung oder die kinoähnliche Wahrnehmung nicht mehr an den spezifischen Ort und das Gebäude Kino gebunden sind. Das Gemeinschaftserlebnis, das dort stattfindet, und die Filmrezeption aus der großen Leinwand versuchen wir aber natürlich in ähnlicher Form zu bewahren – denn das macht für mich die Wahrnehmungsform Kino besonders aus.
Bei den Locations war uns besonders wichtig, dass es Orte sind, die jeder kennt: Mit dem Burginnenhof, dem Tenderingssee oder der Zentralwerkstatt der Zeche Lohberg haben wir charakteristische Lokalitäten ausgewählt, die jedem aus der Umgebung einfach ein Begriff sind. Ja, es sind einfach schöne Locations, die aber auch ganz unterschiedlich sind und unseren Zuschauern und Zuschauerinnen immer neue Räume bieten, um Filme zu schauen. Am Tenderingssee haben wir mit dem Sand und den Liegestühlen ein entspanntes Strand-Feeling, in der Zechenwerkstatt Lohberg hingegen das totale Gegenstück: ein altes Industriegebäude – aber trotzdem mit viel Charme. Und schließlich der Burginnenhof als Wahrzeichen der Stadt.
Ich glaube, es ist für die Leute einfach eine super Abwechslung im Sommer, aus dem normalen Kino rauszukommen und gleichzeitig neue Orte zu entdecken und zu erkunden oder bekannte Orte ganz anders wahrzunehmen. Die Zechenwerkstatt kennt man normalerweise nur von außen und die Burg als „langweiligen“ Sitz der Stadtverwaltung – an sich auch eine super Location, die viel Potenzial für Veranstaltungen bietet. Es ist für uns immer super, die Orte so herzurichten, dass die Besucherinnen und Besucher sie unter ganz neuen Gesichtspunkten, mit einem ganz anderen Blick und als Rezeptionsort von Film wahrnehmen.

Wie bewertest du es, dass Kino und Film durch Konzepte wie Filme mit Freunden immer mehr zum Event werden? Ist das ein Weg in die Zukunft des Kinos?

Mit Sicherheit gibt es Leute, die durch den Besuch im Open-Air-Kino auch wieder animiert werden, ins normale Kino zu gehen – einfach um den Film in der Gemeinschaft und auf der großen Leinwand zu schauen. Aber ich glaube, für den Großteil der Besucher und Besucherinnen sind Open-Air-Kino und normales Kino etwas anderes. Ich glaube Open-Air-Kinos haben einfach etwas Einmaliges, Einzigartiges und stehen – auch wenn sie natürlich Elemente des klassischen Kinos reinszenieren – als Event für sich. In dieser Inszenierung von Kino als Event in anderen Wahrnehmungsräumen als dem Kino, sehe ich auf jeden Fall auch einen Ansatz für die post-kinematografische Zukunft des Films und enorm viel Potenzial – einfach weil es die Leute wirklich begeistert. Open-Air-Kinos sind natürlich nur auf den Sommer begrenzt und es wäre spannend ähnliche Kino-Veranstaltungen in irgendeiner Form auch im Winter veranstalten zu können.

Letztes Wochenende hatten wir auch die Macher vom Ruhrgebiets-Film Pottoriginale da. Das ist auch nochmal ein spannender Aspekt für so ein Event: die Macher und Beteiligten der Filme einzuladen und den Besuchern und Besucherinnen so einen zusätzlichen Mehrwert zu bieten. Außerdem arbeiten wir in diesem Jahr mit lokalen Veranstaltungen wie Kunst statt Leerraum, dem Fantastival und ExtraSchicht zusammen – Kino und Film können auch wunderbar Teil von solchen kulturellen Events und Veranstaltungen sein.

Zum Schluss vielleicht noch die Frage: Wie wird die Zukunft des Kinos nach deinen Einschätzungen aussehen?

Also, an das Medium Film glaube ich auf jeden Fall: Auch wenn bei der privaten Rezeption und bei Produktionsfirmen Serien einen immer größeren Stellenwert bekommen, können sie meiner Meinung nach mit dem Film nicht konkurrieren, der bleibt einfach einzigartig. Ich denke auch, dass die Wahrnehmungsform des Kinos weiter Bestand haben wird – hier in Dinslaken wird das Kino bald sogar neu und größer gebaut. Ich sehe bei den großen Kinoketten nur das Problem des Preises: Ich denke, viele Leute sind einfach nicht mehr bereit so viel Geld für einen Kinoabend zu bezahlen und wählen deshalb den eigenen Fernseher als Alternative. Vielen – vor allem den großen – Kinos geht auch einfach der Charme verloren, der das Kinoerlebnis meiner Meinung nach mit ausmacht. Das Kino muss ein Ort sein, an dem ich mich wohlfühle. Ich denke aber auch, dass Kino-Events wie eben Open-Air-Kinos eine immer größere Rolle einnehmen in der nächsten Zeit. Das Drumherum wird immer wichtiger. In den letzten Jahren hat man ja gemerkt, dass auch die Zahl der Open-Air-Kinos nochmal gestiegen ist.

Davon haben wir uns mitziehen lassen. Wir haben ganz klein begonnen und dann sind die Veranstaltungen von Jahr zu Jahr immer größer geworden. Am Anfang haben wir uns aus Holz eine Leinwand gebastelt, Filme und einen Stromgenerator besorgt, alles auf einer kleinen Lichtung aufgebaut und Freunde eingeladen – deshalb heißen wir auch bis heute Filme mit Freunden. Und ich glaube das unterstreicht auch wieder das Gemeinschaftserlebnis Kino: Wir haben damit angefangen, weil wir einfach Lust hatten, gemeinsam auf einer Leinwand und unter freiem Himmel Filme zu schauen und eben nicht alleine zuhause vor dem Fernseher. Dann haben wir es einmalig im Burginnenhof aufgezogen, waren da nach drei Tagen ausverkauft und seitdem machen wir das – mittlerweile im vierten Jahr.

 

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