„Die Präsentation soll als Setzung erkennbar sein“

„Ich überlege mir ja permanent, was man dem Publikum zeigen soll, was auszustellen heute wichtig ist“, sagt Julia Friedrich – Kuratorin im Kölner Museum Ludwig. Genau aus diesem Grund wurde sie auf die filmischen Arbeiten von Günter Peter Straschek – allen voran seine Serie Filmemigration in Nazideutschland – aufmerksam und entwickelte gemeinsam mit Architekt Eran Schaerf die Ausstellung Emigration – Film – Politik. Die Faszination für den Filmemacher versucht Julia Friedrich auch an die Ausstellungsbesucher und -besucherinnen heranzutragen. Dabei geht sie „weniger vom Medium und mehr von der Sache“ aus. Deshalb haben es neben Strascheks frühen Kurzfilmen auch Fernseharbeiten in die Ausstellungsräume des Museum Ludwig geschafft. Das Ergebnis soll künstlerisch überzeugen und eben deshalb aktuelle Bezüge ermöglichen:

„Wenn die gestellten Fragen überzeugend beantwortet wurden und für uns noch Relevanz haben, ist es für mich sekundär, in welchem Medium etwas ausgearbeitet wurde. Ich finde es wichtig zu zeigen, warum eine Arbeit gut ist.“

Bei Straschek beantwortet Julia Friedrich diese Frage nach dem Warum auch mit dem Verweis auf die Akribie des Filmemachers: Er kannte sich mit seinem Medium sehr gut aus und in seinem Thema, der Filmemigration, besser als jeder andere. Das zeigt auch seine umfangreiche archivarische Arbeit, die Besucher und Besucherinnen zum Teil in der Ausstellung und zum Teil im dazugehörigen Katalog nachvollziehen können – ein Aspekt, der kaum zu trennen ist vom filmischen Werk. Friedrich betont, dass Straschek sowohl in seinen Filmen als auch mit seiner Forschung nah dran ist an Fragen, die uns heute noch beschäftigen:

„Verfolgung, Migration, Antifaschismus, das sind natürlich hochaktuelle Themen. Aber noch stärker hat mich die ebenso aktuelle Frage interessiert, worin der Zusammenhang besteht zwischen wissenschaftlicher Sorgfalt, politisch-moralischer Verbindlichkeit und ästhetischer Präzision. All das zeichnet Strascheks Werk aus.“

Film im Ausstellungskontext

Bei der Ausstellungskonzeption mussten sich Architekt Schaerf und Kuratorin Friedrich Herausforderungen stellen. Im Gegensatz zu dezidiert post-kinematografischen Filmen zeitgenössischer Künstler, die für den Ausstellungskontext produziert werden und die Wahrnehmung des Ausstellungsbesuchers antizipieren, hat Straschek seine Filme für den Kinosaal oder das Fernsehen hergestellt. Friedrich verweist auf aktuelle Künstler, die wissen, wie sie im Ausstellungsraum wahrgenommen werden, und das in ihre Produktion einbeziehen. Beim österreichischen Filmemacher waren die Voraussetzungen andere: „So jemand wie Straschek hätte sich wahrscheinlich nie träumen lassen, dass das hier passiert.“ Erst durch Friedrich wurde seine Arbeit für den Kunstbetrieb entdeckt – im Unterschied zu anderen hat Straschek den bewussten Schritt in die Kunst also nicht gemacht. In seinen Schriften hat er sogar gegen Filmkunst und Autorenkino polemisiert.

Auch deshalb spielt die Präsentation der Filme und des übrigen Materials in der Ausstellung eine besonders große Rolle. Friedrich musste sich in ihrer Funktion als Kuratorin mit konzeptionellen Fragen auseinandersetzen, die sich im Ausstellungsraum stellen und im Kino nicht:

„Präsentation und Architektur sollen als bewusste Setzung erkennbar sein. Sie sollen in ihrer demonstrativen Kulissenhaftigkeit mit dem Gehalt von Strascheks Werk korrespondieren und es auf diese Weise auch vermitteln. Wir wollten einen Raum schaffen, der es den Besuchern ermöglicht, sich etwa auf die fünf Stunden Filmemigration einzulassen, und der ihnen auch dann etwas davon mitteilt, wenn sie sich nicht auf die ganzen fünf Stunden einlassen.“

Das Dämmerlicht, die bequemen, variablen Sitzmöglichkeiten, die Wohnzimmeratmosphäre und der Nischencharakter – all das soll die Besucher und Besucherinnen dazu einladen, sich auf Strascheks Filme einzulassen und möglichst viel Zeit damit zu verbringen. Des Weiteren war es wichtig, dass sich zentrale Motive von Strascheks Arbeiten im post-kinematografischen, musealen Raum widerspiegeln: Der Flucht-Aspekt findet sich in den fluchtpunktartig zusammenlaufenden Wänden wieder, die durch ihre Kulissenhaftigkeit gleichzeitig auch das Filmprinzip von Straschek spiegeln – offenzulegen, wie etwas gemacht ist.

Auch dem französischen Filmemacher-Duo Straub-Huillet ist ein Teil der Ausstellung gewidmet: Ihr Film zu Arnold Schoenbergs Begleitmusik für eine Lichtspielscene ist „eine Art Klammer“ der Ausstellung. Bei den Werken der französischen Filmemacher beobachtet Friedrich ein interessantes Phänomen: Straub-Huillet sind inzwischen vom Kunstbetrieb entdeckt und ihre Werke in den post-kinematografischen Ausstellungsraum überführt worden – obwohl beide immer für das Kino arbeiteten und sich stark in der Kinotradition verorteten. Straschek hingegen war „weitgehend vergessen“, so Friedrich.

„In seinem Fall konnte es nicht darum gehen, ihn ‚für den Kunstbetrieb‘ zu entdecken, sondern ihn überhaupt zu entdecken. Aber dass wir diese Entdeckung im Museum ermöglichen, verweist natürlich auf die Krise des Kinos.“

Über den musealen Raum hinaus

Sieben Stunden benötigen Museumsbesucher und -besucherinnen, um das gesamte Filmmaterial der Ausstellung zu sehen – trotzdem war es der Kuratorin wichtig, das ganze Werk zu zeigen. Allein Strascheks Filmemigration aus Nazideutschland nehme nun einmal fünf Stunden in Anspruch. „Wir wären nicht auf die Idee gekommen, dem normalen Besucher zuliebe, der höchstens eine Stunde in einer Ausstellung bleibt, die Serie zu kürzen und beispielsweise nur die besten Ausschnitte zu zeigen.“

Das Museum Ludwig bietet verschiedene Möglichkeiten zur Aneignung dieses filmischen Werks. Man könne es während eines Besuchs vollständig sehen oder noch einmal wiederkommen, sagt Friedrich. „Man kann ins Kino gehen und sich das Programm zur Ausstellung ansehen, oder man nimmt den Katalog mit, der ein Hauptwerk Strascheks (das Filmkritik-Heft vom August 1974) und gut die Hälfte des Briefwechsels mit Straub/Huillet enthält. Mehr können wir eigentlich nicht machen in unserer Situation. Eine ‚postkinematografische‘ Präsentation, wie wir sie hier anbieten, findet ihre Rechtfertigung gerade darin, dass sie kein Kino ist, sondern über den Ort der Aufführung hinausstrahlt, und das so weit wie möglich.“

Einige Impressionen zur Ausstellung Günter Peter Straschek: Emigration – Film – Politik:

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Lust auf das ganze Interview? Das gibt’s hier!

Die Ausstellung Emigration – Film – Politik zum Werk Günter Peter Strascheks lief bis zum 15. Juli 2018 im Museum Ludwig. Weitere Informationen zu den aktuellen Ausstellungen gibt’s hier!

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