Lars Henrik Gass – das ganze Interview

Lars Henrik Gass – Festivalleiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen – spricht über neue Wahrnehmungsformen von Film, post-kinematografische Antworten von Filmfestivals und die Vermischung von Kino- und Kunstmarkt.

Ihr Buch heißt „Film und Kunst nach dem Kino“. Inwiefern befinden wir uns jetzt in einer Zeit nach dem Kino und was passiert im Moment mit dem Kino als Auswertungsort von Filmen?

Man muss sich zunächst immer vergegenwärtigen, dass das Kino so wie wir es vielleicht verstehen – also diesen dunklen Saal und die Konventionen die damit einhergehen – ja  selbst schon eine historische Form ist, wie man Film darstellen und auswerten kann. Denn das frühe Kino sah ja durchaus auch andere Formen vor und das Kino ist historisch – mit Blick auf alle Kulturtechniken – doch sehr kurze Zeit gewesen, Filme auszuwerten. Das ist das eine.
Das andere ist, dass ich der Auffassung bin, dass jede Auswertungsform von Film auch bestimmte Formatierungen nach sich zieht. Also ob es dabei nun um das Kino geht, von dem wir gerade sprachen, oder um das Fernsehen, DVDs, den Kunstbetrieb (also Kunstausstellungen, Museen usw.) oder natürlich das Internet. Ich glaube, dass sich durch diese neuen Auswertungsformate von Film nicht nur die Art wie wir Film betrachten ändert, sondern auch die Filme selbst sich verändern. Ich denke, dass man nachweisen kann, dass das Kino auch aus den Filmen verschwindet und nicht nur die Filme aus dem Kino.
Um mal ein banales Beispiel zu nennen: Der Kunstbetrieb hat die Form des Loops eigentlich institutionalisiert. Der Loop war aber schon im frühen Kino geläufig, denn die frühen Filme wurden als sogenannte Ringfilme gezeigt. Das heißt, sie liefen immer wieder vom Anfang. Im Übrigen war diese Form der Aufführung von Film aus dem Künstlerischen oder aus dem Avantgardefilm auch schon bekannt, aber der Kunstbetrieb hat es natürlich als quasi institutionelle Formatierung von Film sehr stark forciert. Aus naheliegenden Gründen: Man kann die Leute schlecht zu bestimmten Anfangszeiten ins Museum oder in die Ausstellung dirigieren.

Der Film ist nach dem Kino also auf andere Formate ausgelegt?

Ja, ganz genau!

Auch wenn die Umbruchszeit des Kinos nicht erst seit 2018 stattfindet, wie nehmen Sie diesen Umbruch und die „Krise des Kinos“ momentan (auch in Bezug auf die Kurzfilmtage) wahr?

Also zunächst einmal muss ich präzisieren, dass ich nicht vom Untergang oder Verschwinden des Kinos im eigentlichen Sinne spreche. Ich bin weder Apokalyptiker noch Wahrsager. Aber es ist richtig, was Sie sagen: Es gibt nicht auf einmal eine Krise, sondern man kann feststellen, dass der Zenit des Kinobesuchs in Deutschland schon Anfang der 60er Jahre lag und seit nunmehr weit über 50 Jahren kontinuierlich abnimmt und auch weiter abnehmen wird. Jetzt sag ich nicht, dass es irgendwann bei Null ankommt und ich wage auch keine Prognose, wie es sich jetzt weiter entwickelt. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es jetzt nicht wieder beim Stand zum Anfang der 60er Jahre rauskommt, ist doch relativ hoch, würde ich mal sagen.
Das hat letztlich auch etwas mit gesundem Menschenverstand und einer Wahrnehmung dessen zu tun, wie Filme gerade ausgewertet werden. Insofern gibt es nicht die Krise, die auf einmal da ist. Aber trotzdem ist es natürlich richtig, dass bestimmte Faktoren, also das Internet und da nochmal insbesondere das Aufkommen bestimmter Plattformen wie Youtube und den Videoportalen, diese Entwicklung sehr stark beschleunigt haben und natürlich auch neue Herausforderungen für den Vertrieb von Filmen darstellen. Man hat ja versucht, dem entgegenzuwirken, indem man versucht, das Kino als Institution auf dem Markt zu halten – wieder eigentlich die Marktlogik. Davon halte ich jetzt nicht so wahnsinnig viel. Ich bin eher der Auffassung, dass man das Kino als kulturelle Praxis retten sollte, unter bestimmten Parametern. Das heißt insbesondere auch, indem man ein filmgeschichtliches Programm vorhält.

Aber nun zur Frage, welche Auswirkungen das auf uns hat. Da wir im strengen Sinne erstmal keine kommerziell auswertbare Form von Film vertreten, nicht sehr viele. Im Gegenteil: Diese Digitalisierung hat doch eine ganze Reihe von Vorteilen gebracht, vor allem was die Filmeinreichung und die Filmsichtung anbelangt. Früher kamen hier Tausende von DVDs und vorher noch VHS-Kassetten an, die musste man in den Player stecken, sie dann irgendwann wieder wegwerfen und sie alle in die Datenbank eingeben. Das fällt nun alles weg und das ist natürlich eine erhebliche Erleichterung. Aber damit geht auch ein exorbitanter Anstieg der Einreichungen selbst einher: Als ich hier anfing, waren wir vielleicht bei 2.300 und jetzt sind wir bei etwa 7.300 Einreichungen – also 5.000 mehr Einreichungen in 20 Jahren. Das liegt auf der Hand und ist erstmal kein großes Problem, aber wir stellen auch fest, dass sich das Freizeitverhalten der Leute generell sehr stark verändert hat. Ich glaube beobachten zu können, dass generell Künste, die Zeit beanspruchen und sehr stark sozial konventionalisiert sind (also Theater, Oper, klassische Musikveranstaltungen und eben auch Kino und Film), im Nachteil sind gegenüber Künsten wie Performance und bildender Kunst, bei denen die Leute ein individuelles Zeitmanagement haben können. Und ich glaube, dass ein Gutteil des Erfolgs von Großaustellungen, wie beispielsweise der Documenta, auch darauf zurückzuführen ist.

Was macht den Ort Kino ohne seinen spezifischen Inhalt noch aus und welche Rolle spielt der Ort Kino noch?

Also der Ort Kino – im strengeren Sinne die architektonische Verfasstheit dieses Ortes – interessiert mich gar nicht so sehr. Mich interessiert viel mehr, was er mir als Konvention und als kulturelle Praxis für ein Wahrnehmungsverhalten auferlegt. Deswegen spreche ich in meinem Buch auch ganz gerne vom Zwang zur Wahrnehmung. Ich benutze diesen vordergründig vielleicht etwas paradoxen Begriff ganz gerne, weil er im Grunde etwas spezifisch klarmacht über die kulturelle Praxis Kino. Und ich denke, dass das eine gewisse Bedeutung hat und auch behält, auch wenn es vielleicht gesellschaftlich in der Nachfrage an Bedeutung verliert.

Welche Rolle spielen Filmfestivals wie die Kurzfilmtage in Oberhausen in der jetzigen Umbruchszeit der medialen Rezeption und welche Rolle spielen sie als spezifischer Auswertungsort von Film?

Ich denke, dass sie die zwei bis drei wesentlichen Funktionen, die sie auch in der Vergangenheit hatten, nicht mehr in dem Maße vertreten, umsetzen oder verkörpern können, wie das in der Vergangenheit der Fall war.
Damit meine ich als erstes die Funktion, neue Filme möglichst zeitnah zu präsentieren. Die zweite Funktion war, den Vertrieb und die Auswertung von Filmen auf den Weg zu bringen. Und die dritte Funktion ist, Leute zusammenzubringen. Das hat verschiedene Gründe: Ich glaube wahrnehmen zu können, dass die Umlaufgeschwindigkeit von Filmen erheblich zunimmt. Einen Film, der heute zwei, drei Monate alt ist, kennen die meisten Leute, die sich beruflich damit befassen, schon. Das heißt, die Geschwindigkeit von Filmen ist wesentlich erhöht und das lässt die Bedeutung von Festivals generell etwas abnehmen. Auch was den Vertrieb von Filmen angeht: Durch die digitale Verbreitung und Auswertung spielen Festivals auch hier nicht mehr diese große Rolle. Auch das Internet hat auf der Ebene der Kommunikation sehr viel vereinfacht, sodass man darüber kommunizieren kann.
Aber: Ich glaube trotzdem, dass es einen wichtigen Aspekt gibt, der für Filmfestivals spricht. Auch wenn der nicht neu ist, ist das der Aspekt des Sozialen und des Sinnlichen. Ich glaube, diese beiden Aspekte gewinnen an Bedeutung oder behalten ihre Bedeutung zumindest. Es geht nicht nur um die Möglichkeit Leute zusammenzubringen, sondern es geht ja auch um die Frage, wie bringt man sie zusammen und worüber. Und natürlich um die Frage, wie präsentiert man eigentlich Film.
Ich denke nicht, dass es noch genügt, gute neue Filme zu zeigen. Sondern ich denke, dass man sich etwas einfallen lassen muss, wie man sie präsentiert und dass auch Aspekte wie die Pflege und Bewahrung analoger Filmtechniken – insbesondere auch von Live-Cinema, also Mehrfachprojektion, Performance, Präsentationen aller Art und so weiter –einfach viel wichtiger werden, als sie in der Vergangenheit waren.

Also meinen Sie, dass diese Aspekte – die auch das Filmfestival in Oberhausen betreffen – zu einem Teil des Post-Cinema-Konzepts gehören sollen?

Ja, ganz genau. Zum Teil eines Konzepts, wie man als Festival auf diese Entwicklungen antworten kann. Aber man könnte auf diese Entwicklung auch an anderer Stelle – zum Beispiel in einem Programmkino – antworten.

Post-Cinema und post-kinematografische Filme und Formen finden zum Teil auch auf dem Kunstmarkt statt und oft Eingang in Ausstellungen. Welche Rolle spielt der Kunstbetrieb aktuell für den Film und wie sind da die Verbindungen?

Das ist weites Feld mit vielen schwierigen Faktoren. Zum einen ist es so, dass der Kunstbetrieb – was auf den ersten Blick sehr positiv ist – eine Verantwortung und eine Rolle übernommen hat, die letztlich im Bereich Film und Kino gar nicht mehr wahrgenommen wurde: Also eine Aufmerksamkeit für den einzelnen Künstler zu schaffen – sei es durch die Erstellung von Katalogen, die Durchführung von Retrospektiven oder auch dem Ankauf und der Restaurierung von Werken. Vieles davon hat der Kunstbetrieb übernommen, der ja mit ganz anderen, auch finanziellen, Möglichkeiten aufgestellt ist. Man hat einfach festgestellt, dass aus diesen Gründen viele Filmkünstler in den Kunstbetrieb abgewandert sind. Das finde ich auch total nachvollziehbar. Aber man muss auch sehen – und darum geht es ja dann auch in meinem Buch –, dass damit einige Neuformatierungen verbunden waren. Zum Beispiel was die Deutungshoheit über das Werk anbelangt – also die Frage, was Teil der Kunst ist und was nicht Teil der Kunst ist. Diese Grenzziehung fand neu statt. Auch bei Fragen wie: Wer ist eigentlich ein Filmkünstler? Diese Deutungshoheit nimmt heute der Kunstbetrieb wahr. Dadurch kommt es auch regelmäßig zu relativ kuriosen Neuentdeckungen von Filmkünstlern für den Kunstbetrieb, aber auch gewissermaßen zur Adelung von bildenden Künstlern zu Filmkünstlern, die aus einer cinephilen Perspektive vielleicht gar nicht Bestand hätten. Das ist jetzt nur sehr scherenschnittartig, was da passiert. Des Weiteren gibt es im Kunstbetrieb mittlerweile einfach bestimmte Präsentationskonventionen, die alle weggehen vom Kino und dem Zwang zur Wahrnehmung, hin zu einer eher mobilen Struktur. Diese neuen Präsentationsformate tragen dem Umstand Rechnung, dass in einer Ausstellung in der Regel doch relativ viele Exponate zu sehen sind und dass es auch sehr teuer, aufwändig und gar unmöglich wäre, für jede filmische Arbeit in einer Ausstellung eine eigene Blackbox zu bauen.

Ist der Film im Ausstellungsraum dadurch ein anderer?

Meiner Auffassung nach schon. Ich versuche auch nachzuweisen, dass die Filme, die schon auf einen Loop hin gedacht sind, eigentlich formal keinen Anfang und kein Ende mehr haben. Stattdessen sind sie auf einen Zuschauer hin gedacht, der Besucher einer Ausstellung ist, den Raum zu einem x-beliebigen Zeitpunkt betritt und dort eine nicht näher bekannte Zeit verbringt. Was dieser Zuschauer oder Besucher von diesem Film sieht, ist also völlig unklar. Das heißt, das Werk muss in jedem Augenblick künstlerisch funktionieren. Und das setzt natürlich ganz andere Anforderungen an ein Werk – da spreche ich jetzt nicht von Narration. Aber es ist ganz deutlich, dass in einer Ausstellung bestimmte Werke gar nicht funktionieren können, weil sie diesem Modus gar nicht entsprechen können.

Viele Werke wirken vielleicht auch erst durch den Zwang zur Wahrnehmung, oder?

Ja, der Zwang zur Wahrnehmung ist ja nicht nur etwas, was das Kino von den anderen Künsten unterscheidet. Es ist ja vor allem ein medientechnologischer Begriff. Die Wahrnehmung des Films betrachtet sozusagen auch mich. Und das ist etwas Ungewohntes in einer sehr interaktiven Welt wie der unseren – in der ich auf alles antworten und reagieren muss, alles manipulieren muss. Das kennt man schon von der DVD, deshalb bringe ich das Beispiel auch in meinem Buch: Indem man einen Film anhalten und vorspulen kann, beginnt ja dieser Zwang zur Wahrnehmung schon abzunehmen. Ich will das gar nicht romantisieren, dazu besteht gar kein Anlass, und ich will es auch nicht ausspielen gegen andere Künste.  Ich bin nur der Auffassung, dass man es mediengeschichtlich abgrenzen muss gegenüber dem, was andere Künste darstellen.

Was wünschen Sie sich für Veränderungen in der Filmförderungspraxis – vielleicht zugunsten von Filmfestivals und Filmemachern?

Also ich bin grundsätzlich natürlich für die Filmförderung. Ich bin der Auffassung, dass die Filmförderung in Deutschland historisch eine Errungenschaft darstellt, denn viele Länder kennen überhaupt keine Filmförderung. Ich denke, das ist eine historische Errungenschaft, die man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte. Aber man sollte gleichwohl erkennen, dass Filmförderung geschichtlich erstritten wurde, vor dem Hintergrund, dass kulturelle, künstlerische Filme einen Marktnachteil haben, der offenkundig ist. Man beabsichtigte, den auszugleichen. Mittlerweile ist es eher andersrum, dass sozusagen der Markt oder die kommerziellen Projekte und Filmvorhaben risikolos alimentiert werden durch diese Filmförderung, wohingegen die kulturell künstlerischen Filme eigentlich gar keinen Zugang mehr erlangen zu den Fördermitteln. Und das finde ich nun wirklich eine höchst problematische Verkehrung der Absichten.

Können Filmfestivals oder Kunstbetrieb der individuellen Filmrezeption etwas entgegensetzen? Wie sehen zukünftige Entwicklungen möglicherweise aus?

Ich denke, das schließt an den Punkt an, den wir vorhin schon hatten. Also wie könnte die post-kinematografische Antwort von Filmfestivals aussehen? Vor allem durch das soziale und sinnliche Element! Ansonsten wage ich da keine großen Prognosen. Klar, ich kann über Strategien sprechen, aber ich kann keine Prognosen geben. Ich stelle nur fest, dass sich unsere Arbeit und auch die Herausforderungen, die sich mit der Arbeit stellen, in den letzten 20 Jahren erheblich verändert haben. Das finde ich sehr spannend, aber mitunter ist man auch mal überrascht oder zeitweise überfordert durch die Geschwindigkeit, mit der Dinge geschehen.

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