„Man sollte das Kino als kulturelle Praxis retten“

Schon mit dem Titel seines 2017 neu aufgelegten Buches „Film und Kunst nach dem Kino“ macht Lars Henrik Gass, Festivalleiter der Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen, deutlich, dass er Film und Kunst mittlerweile vor allem abseits des Kinosaals denkt. Es ist sicherlich kein Geheimnis, dass unsere Wahrnehmung von Film heute immer seltener in der kulturellen Praxis des Kinos stattfindet. Mit der individualisierten, privatisierten Filmrezeption auf dem heimischen Fernseher, Tablets oder Smartphones wandelt sich die Auswertungsform von Film – sie findet zum Großteil jenseits des Kinosaals statt. Faktoren wie das Internet, Youtube und Videoplattformen hätten die Entwicklung und Veränderungen der Auswertungsform von Film weiter beschleunigt. Lars Henrik Gass macht zeitgleich zu dieser Entwicklung die Neuformatierung von Film aus. Jede Auswertungsform von Film ziehe auch bestimmte Formatierungen nach sich: „Ich glaube, dass man davon sprechen kann, dass durch diese neuen Auswertungsformate von Film sich nicht nur die Art, wie wir Film betrachten, ändert, sondern auch die Filme selbst“, so Gass. Das bedeutet konkret: „Der Film verschwindet nicht nur aus dem Kino, sondern das Kino verschwindet auch aus den Filmen.“ Film wird nicht nur anders betrachtet und wahrgenommen, sondern auch die Filme selbst werden sich jenseits von Leinwand und Zuschauerkollektiv verändern und nicht mehr auf die kulturelle Kinopraxis – stattdessen auf eine post-kinematografische Wahrnehmungsform jenseits des Kinos – ausgelegt sein. Der Film nimmt abseits des Kinos in anderen Auswertungsformen eine neue Gestalt an – sowohl auf ästhetischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Abkehr vom Zwang zur Wahrnehmung

Es ist vor allem die Individualisierung der Freizeitgestaltung, in der Gass die Abkehr des Publikums vom Kino situiert: „Ich glaube beobachten zu können, dass generell Künste, die Zeit beanspruchen und sehr stark sozial konventionalsiert sind (also Theater, Oper, klassische Musikveranstaltungen und eben auch Kino und Film), im Nachteil sind gegenüber Künsten wie Performance und bildender Kunst, bei denen die Leute ein individuelles Zeitmanagement haben können.“ Einen Kinomarkt wie noch zu Beginn der 60er Jahre – für Gass der Zenit der Kinorezeption – schließt er deshalb aus. In unserer interaktiven Welt setze sich das Publikum nur ungern dem Zwang der Wahrnehmung aus, den das Kino ihm durch seine konventionalisierte kulturelle Praxis auferlegt. Der Zwang zur Wahrnehmung ist für Gass ein zentrales und elementares Phänomen der Wahrnehmungsform Kino: Dieses Spezifikum grenze das Kino von anderen Kunstformen ab und definiere die spezifische Kinopraxis. Und genau dieser einzigartigen kulturellen Praxis und der damit verbundenen Wahrnehmungsform des Kinos weist der Festivalleiter „eine gewisse Bedeutung“ zu – die sie auch in Zukunft behalten werde, auch wenn es sie vielleicht in der gesellschaftlichen Nachfrage Bedeutung verliere. Es geht Gass vor allem darum, diese gesellschaftliche Wahrnehmungsform des Kinos zu retten und die kulturelle Praxis ‚Kino‘ erfahrbar zu halten:

„Ich bin der Auffassung, dass man das Kino als kulturelle Praxis retten sollte, unter bestimmten Parametern. Das heißt insbesondere auch, dass man ein filmgeschichtliches Programm vorhält.“

Bei dieser Zielsetzung spielen auch Filmfestivals, wie die Kurzfilmtage in Oberhausen, eine entscheidende Rolle.

Die post-kinematografische Antwort von Filmfestivals

Was bedeutet die Umstrukturierung der Kinokultur und Kinopraxis nun für Filmfestivals wie die Oberhausener Kurzfilmtage? Gass stellt fest: Filmfestivals können ihre wichtige Rolle, Podium für neue Filme und den Filmvertrieb zu sein, nicht mehr in dem Maße verkörpern, wie das in der Vergangenheit der Fall war. Trotzdem identifiziert der Leiter der Kurzfilmtage einen Aspekt, der bei Filmfestivals immer noch eine maßgebliche Bedeutung hat: „der Aspekt des Sozialen und Sinnlichen.“ Damit diese prägnanten Punkte – die für Festivals an Bedeutsamkeit gewinnen könnten – funktionieren und Publikum anlocken, können post-kinematografische Techniken und Formen eine tragende Rolle spielen:

„Es geht auch um die Frage, wie man Film präsentiert. Ich denke nicht, dass es noch genügt, gute neue Filme zu zeigen.“

„Sondern ich denke, dass man sich etwas einfallen lassen muss, wie man sie präsentiert und dass auch Aspekte wie die Pflege und Bewahrung analoger Filmtechniken – insbesondere auch von Live-Cinema, also Mehrfachprojektionen, Performance, Präsentationen aller Art und so weiter – einfach viel wichtiger werden, als sie in der Vergangenheit waren.“ Film müsse in der Zukunft also noch anders erlebbar werden – unter anderem durch die Renaissance analoger Formen. Deshalb sollte die „post-kinematografische Antwort“ von Filmfestivals vor allem vom sozialen und sinnlichen Element ausgehen.

Der post-kinematografische Film im Kunstraum

Anders erlebbar wird Film auch durch die Vermischung mit dem Kunstbetrieb. Post-Cinema und post-kinematografische Filme und Formen sind mittlerweile stark mit dem Kunstmarkt verknüpft und finden immer wieder Eingang in Ausstellungen. Dadurch wandern auch immer mehr Filmkünstler in den Kunstbetrieb ab – für Gass durchaus „nachvollziehbar“: „Zum einen ist es so, dass der Kunstbetrieb eine Verantwortung und eine Rolle übernommen hat, die letztlich im Bereich Film und Kino gar nicht mehr wahrgenommen wurde: Also eine Aufmerksamkeit für den einzelnen Künstler zu schaffen durch die Erstellung von Katalogen, die Durchführung von Retrospektiven oder den Ankauf und die Restaurierung von Werken beispielsweise.“ Aber Gass verweist auch auf die Neuformatierungen, die durch eine Vermischung von Film und Ausstellungspraxis zu beobachten sind: Die Deutungshoheit über das filmische Kunstwerk übernehme zu einem erheblichen Teil der Kunstbetrieb. Was ist Teil der Kunst, was ist nicht Teil der Kunst? Wer ist eigentlich ein Filmkünstler? Diese und weitere Fragen würden durch den Eingang des Kinos in die Kunst neu verhandelt: „Und dadurch kommt es auch regelmäßig zu relativ kuriosen Neuentdeckungen von Filmkünstlern für den Kunstbetrieb, aber auch gewissermaßen zur Adelung von bildenden Künstlern zu Filmkünstlern, die vielleicht aus einer cinephilen Perspektive gar keinen Bestand hätten.“

Im musealen Ausstellungsraum werde auch der Film selbst zu einem anderen:

„Mittlerweile gibt es im Kunstbetreib einfach bestimmte Präsentationskonventionen, die alle weggehen vom Kino und dem Zwang zur Wahrnehmung, hin zu einer eher mobilen Struktur.“

Der Kunstbetrieb setzt natürlich ganz andere Anforderungen an das filmische Werk. Ausstellungsbesucher und -besucherinnen können kommen und gehen, wann sie möchten, und sind frei von einem Zwang zur Wahrnehmung, wie ihn das Kino vorschreibt: „Das heißt, das Werk muss in jedem Augenblick künstlerisch funktionieren.“ Das wiederum bedeutet für Gass zweierlei: Einerseits könnten bestimmte Filme im Ausstellungsraum gar nicht funktionieren – sie seien einfach nicht auf diese individualisierte Rezeption ausgelegt. Andererseits versucht Gass nachzuweisen, dass die Filme, die schon auf einen Loop hin gedacht sind, formal keinen Anfang und kein Ende mehr haben, sondern bloß für mobile Zuschauer und Zuschauerinnen gemacht sind. So wird im musealen Raum der Loop und durch ihn auch die Wahrnehmung des Films im Vorbeigehen zu einem Prinzip ästhetischer Erfahrung eines Post-Cinemas.

Auch Lars Henrik Gass, die Kurzfilmtage Oberhausen und das gesamte Festivalwesen müssen immer wieder neue Antworten auf post-kinematografische Entwicklungen finden – doch das ist nicht erst jetzt so: „Ich stelle fest, dass sich unsere Arbeit und auch die Herausforderungen, die sich mit der Arbeit stellen, in den letzten 20 Jahren erheblich verändert haben. Das finde ich sehr spannend, aber mitunter ist man auch mal überrascht und zeitweise überfordert durch die Geschwindigkeit, mit der Dinge geschehen.“


Vom 3. bis zum 8. Mai 2018 fanden in Oberhausen zum 64. Mal die Internationalen Kurzfilmtage statt, dessen Festivalleiter seit 1997 Lars Henrik Gass ist. Mehr Informationen zu den Kurzfilmtagen Oberhausen gibt’s hier!

Lust auf das ganze Interview? Das gibt’s hier!

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