Kai Gottlob – das ganze Interview

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Kai Gottlob – Geschäftsführer des filmforums in Duisburg – spricht über die Vergangenheit und die Zukunft des Kinos, den Weg des filmforums und das einmalige Gemeinschaftserlebnis eines Kinobesuchs.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos? Wie wird die Zukunft des Kinos nach Ihren Einschätzungen aussehen?

Eigentlich glaube ich an die Zukunft des Kinos. Also einerseits als Kunstform – als wichtigste Kunstform des 20. Jahrhunderts, die sich aber natürlich auch weiterentwickelt. Und andererseits als Begegnungsort. Das Spannende ist ja: Durch die Digitalisierung und durch eine immer stärkere Form der medialen Isolation sind wir immer mehr auf einen Bildschirm fixiert – eine Person und ein Bildschirm. Und ich glaube das Besondere das Kino ausmacht und das Besondere das mit den Menschen passiert die im Kino sitzen, ist einfach einmalig – da kommen viele Faktoren zusammen: Das ist vor allem das unglaublich intensive Aufnehmen von Stimmung – bedingt durch die Dunkelheit und durch die unterbewusste Gewissheit, dass andere Leute neben einem sitzen. So merkt man Reaktionen, so merkt man, wie man auch als Gruppe auf irgendwelche Sachen emotional reagiert. Diese Mixtur aus all dem, was beim Kino in diesem dunklen Raum schließlich passiert, ist ein Erlebnis, das sich nicht einfach eins zu eins ins Wohnzimmer oder woanders hin transportieren lässt – das ist eine ganz andere Gefühls- und Erlebniswelt.

Also wirkt die Umgebung beim Filmeschauen sehr stark auf den Zuschauer und der Kinobesuch wird maßgeblich von Emotionen und Wahrnehmung beeinflusst?

Ja, und deswegen pflegen wir hier auch eine Kultur, bei der es kein Popcorn und keine Nachos gibt. Das Kino ist bei uns ein sehr altes Kino. Wir bemühen uns den größten Saal im Zustand von 1948/49 zu belassen: Die Leute kommen rein und nehmen direkt ein sehr starkes Gefühl für den Raum auf. Dieses rote, plüschige Ambiente und all das, was Kino auch ausgemacht hat, lebt da irgendwie fort. Das entspannt die Leute sofort, sodass sie sich anders auf den Film einlassen: Sie sehen den Film viel gefühlsbetonter. Zuhause hingegen ist dann auch noch sowas wie Ablenkung da: Wenn im Nebenraum etwas passiert, mindert das schließlich das Filmerlebnis. Deshalb glaube ich daran, dass das Kino in der jetzigen Form noch wirklich eine Zukunft hat.

Wie wird sich das Kino möglicherweise verändern, was sehen Sie für Entwicklungen? 

Ich glaube, dass sich bei gewissen Dingen des Kino-Schauens eine Renaissance einstellen wird. Wir fangen jetzt bald damit an, testweise Filme auch tatsächlich wieder auf Zelluloid zu zeigen. Wir haben uns alle schon vollkommen gewöhnt an diese sehr präzise und mechanisch vollkommen lineare digitale Projektion; während die Mechanik des 35-mm-Films etwas ganz anderes ist: Da bewegt sich der Film noch etwas vor dem Bildfenster und vor der Lampe und atmet noch ein bisschen. Ich glaube, das werden die Leute irgendwann wieder mögen, um Film quasi wieder richtig als Film zu schauen. Das wird sicherlich keine Massenbewegung sein – das wird eher was für Spezialisten sein –, aber mit gewissen Formen wird das Kino immer wieder auf sich aufmerksam machen. Deshalb glaube ich nicht, dass es irgendwann oder in absehbarer Zeit zum Aussterben verurteilt ist – gar nicht! Ich glaube die Technik wird sich weiterentwickeln und die Bilder werden noch präziser und schärfer und die 3D-Effekte werden noch realistischer – all das wird zwangsläufig passieren. Und vielleicht werden auch neue Dramaturgien erfunden – erste Ansätze hat man da schon bei der 3D-Technik gesehen –, sodass man Geschichten anders erzählt und Erlebniswelten anders darstellt. Also da wird es eine Fortentwicklung geben. Aber die wird dann auch vom Gefühl her viel stärker in der Gruppe zu erleben sein, als man das Zuhause tun kann. Es ist schon was anderes, wenn man jemanden direkt neben sich sitzen hat. Die Reaktionen der Menschen um einen herum beeinflussen auch die eigene Wahrnehmung – stellen Sie sich nur eine Komödie vor. Da ist es ein großer Unterschied, ob man die alleine Zuhause guckt oder in einer Gruppe von 500 Leuten, die sich allesamt auf die Schenkel klopfen. Das ist ein echtes Live-Erlebnis und insofern bin ich was die Zukunft des Kinos angeht nicht pessimistisch gestimmt.

Dem filmforum liegt auch viel daran, die Vergangenheit des Kinos präsent zu halten – zum Beispiel mit dem umfangreichen Filmarchiv?

Ja, richtig. Das Archiv ist damals aus einer ganz pragmatischen Überlegung entstanden. Gewisse Filme gab es nicht mehr oder die Verleiher waren weg und wir wollten gewisse Filme vorhalten können – besonders Filme, die bei der Betrachtung der Filmgeschichte wichtig sind. Aber im Laufe der Zeit hat sich das Archiv immer entwickelt und ist größer geworden und hat auch so spezielle Sammlungsgebiete aufgebaut. Eins, das uns auch jetzt in der Arbeit noch sehr wichtig ist, ist das Archiv mit Filmen über das Thema „Duisburg“. Und da gibt es mittlerweile etwa 100–200 Filme, die Duisburg etwa ab 1914 zeigen. Und es gibt auch ein unheimlich starkes Interesse der Leute, sich diese Filme anzusehen. Es ist irgendwo eine Reise in die eigene Vergangenheit und zur eigenen Identität hin: Die Leute sind unglaublich fasziniert von den Filmen, wenn sie die Stadt, in der sie leben, vor 70, 80  oder 90 Jahren sehen. Im Augenblick bewegen wir uns da mit den Programmen wieder so durch die Jahrzehnte, wir haben gerade die 20er Jahre gezeigt und werden jetzt in den nächsten Monaten die 30er Jahre, die Kriegsjahre und die Nachkriegsjahre zeigen. Das sind alles Geschichtsetappen dieser Stadt, die ganz außergewöhnliche Einblicke erlauben. Insofern ist die archivarische Arbeit letztlich unglaublich wichtig, weil sie ist – wenn man so will – eine Marketingmaßnahme, für die Leute in hohem Maße identitätsstiftend und hält natürlich auch gewisse Filme vor. Da sind auch Perlen bei, die wir teilweise sogar zu Museen ins Ausland – zum Beispiel nach Paris – schicken und die dort gezeigt werden. Weil die wissen, dass wir zum Beispiel zu gewissen Prokofjew-Musiken sehr gute Kopien hier liegen haben oder Dinge zu bestimmten Filmklassikern. Im Kino Special-Interest-Bereich sind natürlich auch Stilblüten dabei, die gibt es einfach nicht mehr so oft. Und insofern pflegen wir dieses Archiv weiter – mittlerweile ist es ein rein digitales Archiv geworden. Inzwischen sind das Rates in denen die Sachen gespeichert werden und nicht mehr Lagerräume. Aber wir haben auch noch ein Klimaarchiv: Die ganz wertvollen Sachen liegen dort dann bei drei bis vier Grad gekühlt, mittlerweile sind die meisten Sachen aber digital gespeichert.

Sie versuchen mit Ihren Schulaufführungen und anderen medienpädagogischen Angeboten auch die jüngere Generation für das Kino zu begeistern. Wie wichtig ist dieser medienpädagogische Bereich bei Ihnen und für die Zukunft des Kinos?

Ja, mit den Kindern machen wir etwas Ungewöhnliches. Man muss zunächst sagen, wir haben etwa 130.000 Besucher in unseren Veranstaltungen pro Jahr, davon 85.000 hier am Dellplatz und davon wiederum sind 10% Kinder und Jugendliche. Das ist im Schnitt eine sehr hohe Zahl – das haben viele Kinos nicht. Wir machen viele Schulvorstellungen haben auch sonst viele Programme für Kinder und Jugendliche. Mit unserem Kinderkino erreichen wir so die Kinder zwischen vier und acht Jahren. Dann kommen natürlich viele zu den Schulvorstellungen am Vormittag und wir haben auch noch ganz verschiedene Workshops: Zum Beispiel einen Handyfilm-Workshop, wo Jugendliche über zwölf selber Filme zum Thema Duisburg produzieren. Die Jugendlichen filmen mit ihren Handys, das können sie ja alle, und dann geht es darum die richtigen Einstellungen zu finden und dramaturgisch eine Geschichte zu erzählen – das lernen die Jugendlichen alles in Ferienworkshops, die so eine Woche dauern. Die Metaebene dabei ist immer: Wir wollen den Kindern und Jugendlichen zeigen, wie Film funktioniert und wie Medien funktionieren. Wie erzählt Film eine Geschichte, wie lullt er uns sozusagen ein mit Schnitt, Bildern und Dramaturgie? Letztendlich nehmen wir dem Medium so ein bisschen die Magie. Und die Kinder können dann damit wirklich analytisch umgehen, sie sind dann in der Lage Film auch analytisch zu sehen. Und das ist das, was wir vermitteln wollen. Wir nehmen ihnen nicht das Vergnügen, wenn ihnen was gefällt fallen sie auch sehr schnell wieder zurück und sehen den Film wieder mit dem Bauch – wie man es ja auch tun soll. Aber sie wären in der Lage auch zu erklären, wie dieses Medium funktioniert. Und das machen wir in ganz verschiedenen Bereichen. Bei uns ist jede Kindervorstellung vorbereitet: Es gibt eine Begrüßung durch eine Medienpädagogin und jeder Film wird spielerisch nachbereitet. Spielerisch lernen die Kinder dann, mit dem Medium umzugehen und es zu verstehen. Die Schauspieler kommen hier hin, Stuntleute oder Filmhunde, die Rollen gespielt haben – wir geben ihnen immer wieder die Möglichkeit zurück in die Realität zu springen und zu verstehen: das ist Unterhaltung, ein Kunstwerk, das ich da gesehen habe und das hat seine eigenen Funktionsweisen. Das hilft den Kindern, Medien zu verstehen und auch mal einem Film zu misstrauen und einen Film zu hinterfragen. Das findet gute Resonanz, aber das ist natürlich auch eine Arbeit, die Zeit und Geld kostet. Deswegen sind wir auch ein kommunales Kino und kriegen noch einen gewissen Zuschuss von der Stadt. Weil das Filmarchiv, die Bildarchive und filmhistorischen Sammlungen machen die Arbeit dieses Kinos aus.

Wie wichtig ist es, dass das Kulturgut und die Institution „Kino“ von städtischer Seite oder ähnlicher Stelle unterstützt werden – auch damit sich der Blick auf qualitativ hochwertige Filme abseits des Mainstreams und des großen Hollywood-Kinos richten kann, die nicht Massen an Geld in die Kassen spielen?

Wir versuchen ja genau das, ein bisschen auszubalancieren. Wir zeigen einerseits Arthouse-Filme, die auch ein bisschen erfolgreicher sind, damit verdienen wir natürlich Geld. Aber wir zeigen auch viele Dinge, die sind einfach für unser Profil wichtig. Und die sind auch dafür wichtig, Film verstehen zu können. Das ist das, was wir vermitteln wollen. Für diese medienpädagogische Aufgabe braucht man letztendlich einen Zuschuss, um sie durchführen zu können. So arbeiten wir und das macht den Apparat natürlich auch sehr teuer. Insofern sind wir hier in Duisburg in einer Situation, in der die Stadt sich so ein kommunales Filminstitut wie das filmforum leistet und das ist natürlich ein riesiger Vorteil – das ist in anderen Städten nicht so. Andererseits leistet sich Düsseldorf beispielsweise direkt ein ganzes Filmmuseum. Aber wir sind da in Duisburg schon in einer guten Situation und ich freu mich, dass wir da bislang immer Unterstützung von der Stadt bekommen haben.

Sie gehen bei der Filmauswahl gerne auch mal auf die Wünsche der Kinobesucher ein. Man kann Filmwünsche einreichen und Sie zeigen Originalfassungen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Das ist genau das, was ich meinte. Originalfassungen kosten uns bestimmt schon so 30 bis 40 % der Zuschauer. Aber trotzdem ist es wichtig, dass Originalfassungen laufen. Weil sie haben ja schlussendlich auch einen pädagogischen Effekt: Die Leute lernen eine Sprache dabei. Und eine Sprache im Kino zu lernen ist unglaublich hilfreich – was Aussprache, den Umgang mit dem Vokabular und sowas angeht. Man kann dabei unheimlich viel lernen. Nicht umsonst sprechen die Leute in Skandinavien oder Holland so gut Englisch – weil sie alle Filme mit Untertiteln sehen. Insofern sind wir auch froh, dass sich zum Beispiel die deutsch-französische Gesellschaft da sehr engagiert: Die bewerben unsere Filme in französischer Originalfassung und oft gibt es auch noch eine Einführung dazu (zum Beispiel bei einem historischen Kontext, der dem Film zugrunde liegt). Französische und englische Sachen laufen sehr gut. Montags in den französischen Originalfassungen sitzen oft 50 bis 60 Leute – das finden wir toll.

Auch das Stadtwerke Sommerkino im Duisburger Landschaftspark wird vom filmforum organisiert. Es lebt davon, dass es Event ist und nicht nur Kino. Wie sehen Sie die Rolle von Kino-Events und besonderen Kino-Kulissen wie dem Duisburger Landschaftspark?

Das Sommerkino ist so erfolgreich weil die Mixtur stimmt. Es ist vor allem die unfassbare Wucht dieses Parks – wenn man so will, ist der Landschaftspark unser Kölner Dom hier in Duisburg. Der Landschaftspark wird sicherlich noch erfolgreicher als er ohnehin schon ist, weiterhin Zuschauer zulegen und über die Stadt hinausstrahlen. Der Landschaftspark ist außerdem etwas sehr Visuelles – durch die gigantischen Gebäude und ebenso durch die Art und Weise wie Jonathan Park (der auch der Lightshow-Verantwortliche von Pink Floyd war) die Beleuchtung des Parkes plante. Das macht den Park besonders beeindruckend. Und man hat aus diesen riesigen Gebäuden auch ein visuelles Erlebnis gemacht. Dazu passt Kino natürlich zu 100 %. Auch die Idee, in diese bizarre Landschaft noch einen tropischen Biergarten zu bauen – sodass man quasi unter Palmen im Sand sitzt bevor man den Film schaut – ist natürlich ein perfektes Paket. Wir sind sehr froh, dass es so läuft wie es läuft, es ist total stark frequentiert. Ich hoffe, dass es so weiter geht – es geht auch sehr lange schon so gut. Dabei ist natürlich das Wichtigste, dass das Wetter mitspielt. In den letzten Jahren hatten wir eine Auslastung von 94% – aber wenn es einen richtig guten Sommer geben würde, fänden die Leute es noch toller. Wir wünschen uns einen schönen Sommer und dann gibt es nichts Besseres, als einen Abend im Sommerkino zu verbringen. Die meisten Leute sagen, dass es für sie wie ein Tag Urlaub ist.

Wie ist die Struktur des Publikums beim Sommerkino?

Von der Provenienz her ist das Publikum das gleiche wie im filmforum. Der Einzugsbereich ist nahezu identisch, vielleicht ein bisschen größer. Für passende Filme kommen manche Zuschauer sogar aus Holland. Von der Struktur her ist es etwas jünger muss man sagen. Das ist absolut steuerbar über das Angebot. Die Programmkino und Arthouse-Sachen haben mittlerweile eher ein älteres Publikum. Aber im Sommerkino sind wir ja auch ein bisschen mainstreamiger und da ist das Publikum dann auch etwas jünger. Aber wie gesagt, die Leute kommen genauso vom Niederrhein und aus den umliegenden Ruhrgebietsstädten.

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